Maschinenbauer brauchen offene Märkte

13.11.2020

Sören Bartol, Mitglied des Deutschen Bundestags, im virtuellen Austausch mit Geschäftsführern verschiedener Sparten der ROTH INDUSTRIES GMBH & CO. KG und dem VDMA 

Offene Märkte und freier Handel ohne Barrieren sind von entscheidender Bedeutung für die Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus. Das gilt gerade jetzt in dieser besonderen Zeit, die geprägt ist durch große Unsicherheiten in Folge der Corona-Pandemie. Je nach den Entwicklungen vor Ort werden die Länder weltweit unterschiedlich schnell aus der Krise herauskommen. Anders als in der Finanzkrise 2008 wird China die deutsche Industrie dieses Mal wohl nicht allein aus dem Sumpf ziehen können. Neben dem wirtschaftlichen Aufschwung in den Abnehmerländern, hängt die konjunkturelle Entwicklung auch von einigen Rahmenbedingungen in Deutschland ab.

Daher sind gerade global agierende mittelständische Betriebe, darunter auch die häufig zitierten „Hidden Champions“, auf einen funktionierenden Freihandel angewiesen. Nur so können sie aus Deutschland heraus eine starke Position im internationalen Wettbewerb einnehmen und einen wichtigen Beitrag für Arbeitsplätze und Wohlstand in ihrer Region leisten.

Dies haben das Unternehmen Roth Industries und der VDMA im Rahmen eines Abgeordnetengesprächs zur Außenwirtschaftspolitik gegenüber dem Bundestagsabgeordneten und stellvertretenden Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion Sören Bartol MdB (SPD) erläutert.

Sören Bartol betonte, dass der VDMA und die in ihm organisierten Unternehmen die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie verkörperten. Er versprach, sich auch mit Blick auf die kommende Bundestagswahl für eine aktive, gestaltende, die Unternehmen unterstützende Industriepolitik mit einem besonderen Blick auf den Mittelstand einzusetzen. Es brauche eine moderne und konsistente Industriepolitik aus Innovationsimpulsen, ein leistungsgerechtes Steuersystem für Unternehmen, verlässliche Rahmenbedingungen, eine bezahlbare und sichere Energieversorgung und gute Qualifizierungsstrategien gegen den Fachkräftemangel. Deutschland habe gerade im Maschinenbau die weltweite Exzellenz, um auch auf den Zukunftsfeldern Klima und Energie Nummer eins zu sein. Die Wahl von Joe Biden bedeute hoffentlich, dass die Welt wieder in ein weltweit faires Handelssystem des kooperativen Miteinanders zurückkehre.

Das Roth Familienunternehmen hat sich in seiner mehr als 70-jährigen Geschichte vom Handwerksunternehmen zu einer international tätigen Unternehmensgruppe in den Geschäftsbereichen Gebäudetechnik und Industrietechnik entwickelt. Matthias Donges, CEO bei Roth Industries, erläuterte: „Vom Gesamtumsatz 2019 in Höhe von 281 Millionen Euro entfallen rund 61 Prozent auf Geschäfte in Auslandsmärkten. In den 21 Produktions- und Vertriebsunits im Ausland sind aktuell 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig – also rund 37 Prozent aller 1.340 Beschäftigten der Gruppe. Diese Relationen belegen die Bedeutung der internationalen Märkte und zeigen, dass die Auslandsumsätze die Beschäftigung im Inland absichern. Ein Indiz: Der Anteil der Beschäftigten im Inland ist deutlich höher als der Anteil des Inlandsumsatzes.
Die Maschinenbauunternehmen unseres Geschäftsbereichs Industrietechnik, Roth Composite Machinery in Steffenberg sowie Roth Hydraulics in Biedenkopf, stellen Maschinen und Anlagen her, die sie weltweit vertreiben. Speziell für die Planung, Aufbau und Inbetriebnahme dieser Anlagen im Ausland ist der direkte Austausch mit Kunden vor Ort die Basis für erfolgreiche partnerschaftliche Geschäftsbeziehungen.“
Insbesondere China ist für Roth inzwischen ein bedeutender Absatz- und Beschaffungsmarkt. „Allerdings ist die Tätigkeit in diesem Markt durch Exportbeschränkungen, Strafzölle und die aktuelle Corona-Lage mit vielen Hindernissen versehen. Es ist zurzeit praktisch unmöglich, ein Montageteam aus Deutschland zum Aufbau einer Maschine nach China zu schicken. Unsere Kunden können nicht warten und tendieren zunehmend zu einer Beschaffung vor Ort“, so Matthias Donges.

Unterschiedliche Regelwerke behindern den Mittelstand

Im Gespräch mit Sören Bartol MdB erläuterten die Geschäftsführer der Roth Unternehmen, warum die „Hidden Champions“ gerade jetzt mehr Einsatz der Politik für offene Märkte erwarten.
Matthias Donges hob hervor: „Der internationale Handel mit unseren Maschinen ist für uns und unsere Kunden mit vielen Anforderungen verbunden, die den Export erschweren. Zum Teil langwierige und mehrstufige Exportgenehmigungsprozesse sind ein Hemmnis. Unserer Erfahrung nach kann ein solcher Prozess bis zu 18 Monate dauern. Dies ist für uns ein Nachteil im internationalen Wettbewerb, da etwa Unternehmen aus USA, Frankreich und Großbritannien maximal zwei Monate warten müssen.“

Sören Bartol sagte zu, sich auch gegenüber der Bundesregierung noch einmal für eine Beschleunigung der Genehmigungsprozesse einzusetzen. Es müsse gewährleistet sein, dass durch eine Prüfbürokratie keine Nachteile im Vergleich zu den wichtigsten Wettbewerbsländern entstünden. Man müsse aufpassen, dass man nicht national alle Details festlege, sich dadurch aber an den internationalen Märkten mit schnelleren Entscheidungsabläufen vorbei bewege.

Ein weiteres Thema des Online-Austauschs zwischen Politik und Wirtschaft war das geplante Lieferkettengesetz. Unter der Überschrift „Verantwortlich“ sind die Roth Unternehmensgrundsätze zu Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Fairness und gesellschaftlicher Verantwortung definiert.
Matthias Donges erklärte: „Faires geschäftliches Handeln ist uns sehr wichtig. Dies erwarten wir in gleicher Weise von unseren Geschäftspartnern. Roth unterstellt sich dem Code of Conduct nach den Richtlinien des Gesamtverbands der kunststoffverarbeitenden Industrie (GKV). Der Kodex beinhaltet neben kartell- und wettbewerbsrechtlichen Vorgaben auch globale Richtlinien zum Umgang mit Menschenrechten, Kinder- und Zwangsarbeit sowie ethische und soziale Grundsätze wie etwa Nicht-Diskriminierung und Belästigung. Im Zuge von Lieferanten-Audits fragen wir diese Grundsätze neben anderen Prüfkriterien zunehmend ab.
Wir stehen hinter den Bemühungen der Politik, Richtlinien im internationalen Geschäft stärker zur Anwendung zu bringen. Wir meinen aber, dass ein Lieferkettengesetz enorme bürokratische Hürden auferlegt, die kleine und mittlere Unternehmen, zu denen wir uns auch zählen, unnötig belasten. Wir brauchen praxistaugliche, EU-weite Regelungen, die tatsächlich Menschenrechte stärken und keine haftungsrechtlichen Unsicherheiten verursachen. Da sehen wir uns völlig im Einklang mit der Position des VDMA.“

Sören Bartol versicherte zum Lieferkettengesetz, dass die SPD-Fraktion die Sorgen der Unternehmen ernst nehme und dass das Gesetz dazu diene, rechtstreue Unternehmen gegen diejenigen zu unterstützen, die sich auch aktuell in der Krise durch rechtswidriges Verhalten Vorteile verschaffen. Das Gesetz stelle niemanden unter Generalverdacht, sondern solle im Gegenteil sicherstellen, dass die Ehrlichen nicht die Dummen seien. Das Ziel seien faire Spieregeln, die deutsche Unternehmen im Wettbewerb schützen. Er wisse, dass gerade viele Unternehmen unter einem mehrfachen Stress stehen. Die Corona-Krise treffe viele mitten im durch Klimaschutz und Digitalisierung ausgelösten Strukturwandel. Aber umso mehr verdienten die, die ehrlich seien, dass etwas getan werde, wenn sich manche Betriebe nicht an Regeln hielten und Wettbewerbsvorteile auf Kosten der Mehrheit verschaffen wollten. Durch das Gesetz sollten die integren Unternehmen unterstützt werden.

Über 600.000 Arbeitsplätze im Maschinenbau vom Exportgeschäft abhängig

Ulrich Ackermann, Leiter der VDMA Außenwirtschaft, unterstrich die Bedeutung des Freihandels für den gesamten Maschinen- und Anlagenbau: „Der Maschinenbau aus Deutschland hat im Jahr 2019 rund 230 Milliarden Euro umgesetzt, die Exportquote liegt bei über 78 Prozent. Mehr als 600.000 Arbeitsplätze sind direkt vom Export abhängig. Daran wird deutlich, welch großen Stellenwert der Außenhandel für den industriellen Mittelstand hat.“

Hinzu komme, dass mittlerweile rund 35 Prozent des Exports in Länder mit hohen Einfuhrhürden gehe. „Freihandel braucht daher die klare Fürsprache in der deutschen Politik, denn es geht letztlich um Arbeitsplätze und Wohlstand in unserem Land. Die Nachfrage aus dem europäischen Binnenmarkt reicht für die Maschinenbauer nicht aus. Wir brauchen offene Märkte weltweit. Protektionismus und Abschottung werden alle Marktteilnehmer im In- und Ausland zu Verlierern machen“, betonte Ackermann.